Der Smart Readiness Indicator soll für große Nichtwohngebäude verbindlich werden. Im Projekt Klassiqua wird dessen Profitabilität für Bürogebäude untersucht.
Bei deutschen Bürogebäuden besteht weiterhin ein hoher Sanierungsrückstand, der sich insbesondere durch geringe Dämmraten bei den Außenhüllen und veraltete Erzeugerstrukturen zeigt [1]. Bürogebäude machen nur etwa 1 % der GEG-relevanten Gebäude in Deutschland aus, doch sind für etwa 6 % des deutschen Endenergieverbrauchs für Raumwärme verantwortlich [2, 3].
Nichtwohngebäude verfehlen das klimapolitisch notwendige Sanierungstempo deutlich: Mit einer 2025 weiter rückläufigen Sanierungsrate der Gebäudehülle von 0,92 % wird nicht einmal die Hälfte der für die Klimaneutralität erforderlichen 1,9 % erreicht [4]. Der witterungsbereinigte Raumwärmebedarf deutscher Bürogebäude reduzierte sich seit 2013 um lediglich 0,8 % [5].
Hemmnisse zur Umsetzung von Sanierungen liegen unter anderem in den damit verbundenen partiellen Betriebsunterbrechungen ebenso wie in teilweise von den Eigentümern angestrebten kurzen Renditehorizonten.
Regelungsbasierte Modernisierungsmaßnahmen können eine attraktive Alternative zu konventionellen Ertüchtigungen darstellen, da sie geringerer Investitionen bedürfen und häufig ohne Nutzungseinschränkungen einhergehen. Dabei kann die Nutzung bestehender Automationsanlagen, wie sie in mehr als jedem vierten Bürogebäude bereits bestehen, Investitionen zusätzlich reduzieren [6].
Smarten Technologien wird bei der Erreichung der Klimaschutzziele im Gebäudesektor ein relevanter Beitrag beigemessen. Der von der Europäischen Kommission entwickelte Smart Readiness Indicator (SRI) soll den Ausbau intelligenter Gebäudetechnik fördern. Er bewertet die Fähigkeit eines Gebäudes, mit Nutzenden und dem Netz zu interagieren und somit dessen Betrieb energieeffizient zu gestalten. Der Smart Readiness Indicator zeigt in diesem Zusammenhang den Grad der Erfüllung technischer Voraussetzungen für die Umsetzung smarter Betriebsstrategien an.
Die SRI-Bewertung soll bis Mitte 2027 zunächst für Nichtwohngebäude mit einer Heizungsanlage, einer Klimaanlage, einer kombinierten Raumheizungs- und Lüftungsanlage oder einer kombinierten Klima- und Lüftungsanlage von mehr als 290 kW Nennleistung per delegiertem Rechtsakt verbindlich werden [7]. Die EU-Mitgliedsstaaten sind in der Folge zu einer nationalen Umsetzung des SRI und verpflichtenden Einführung aufgefordert (siehe Abb. 1).
Der finale Bewertungsinhalt, die Bewertungsmethode inklusive Gewichtungen und ein möglicher Mindesterfüllungsgrad sollen in diesem Jahr nach der Auswertung der nationalen Pilotphasen ausgearbeitet werden.
Bereits jetzt zeigen sich Parallelen zur deutschen Gesetzgebung, die vorbereitende Maßnahmen der EPBD für eine SRI-Implementierung umsetzt. Somit gilt für die zukünftig verpflichtende SRI-Bewertung derselbe Schwellwert wie für den bereits implementierten § 71a Gebäudeautomation des GEG 2024, welcher im nachfolgenden GModG (Kabinettsentwurf) als § 56 weitergeführt und um eine Bewertung von kleineren Nichtwohngebäuden ergänzt wird. Die in beiden Gesetzen maßgebende DIN/TS 18599-11 basiert ebenso wie der SRI auf der DIN EN ISO 52120 Energieeffizienz von Gebäuden – Beitrag von Gebäudeautomation und Gebäudemanagement (Nachfolgenorm der DIN EN 15232), ist im Umfang der übernommenen Services aber geringer und enthält keine der neu im SRI entwickelten Services.
Der aktuelle SRI-Entwurf (Calculation Sheet Version 4.5) [8] (vgl. Abb. 2) umfasst neun technische Bereiche und 54 Services. Das Ergebnis der SRI-Bewertung wird als Score in Prozent ausgedrückt. Zusätzlich ist eine Einteilung in SRI-Klassen von A bis G vorgesehen und eine Integration in den Energieausweis angedacht. Es gibt auch Überlegungen, neben der formalen Bewertungsmethode (als Methode B bezeichnet) eine vereinfachte, freiwillige Bewertung (Methode A) mit 27 Services anzubieten.

In jedem auf das Gebäude zutreffenden Service können über vordefinierte drei bis fünf Level Punkte in sieben Wirkkriterien erzielt werden, die später zu einer Bewertung in den Kernfunktionen – Energieeffizienz, Nutzerkomfort und Netzdienlichkeit – gewichtet zusammengeführt werden. Am Service H-1a „Regelung der Wärmeübergabe“ (vgl. Abb. 3) kann das Schema exemplarisch nachvollzogen werden. Der Service gleicht in den Levelbeschreibungen bis auf minimale Abweichungen den Beschreibungen von H-1-1 in der DIN/TS 18599-11 (vgl. Abb. 4). Bei der Bewertung ist jedoch erkennbar, dass der SRI weitaus mehr Funktionen bewertet. Im hier vorliegenden Beispiel würde Level 2, also Thermostatventile in jedem Raum, Automatisierungsgrad C und damit der Referenzstufe für Bestandsgebäude entsprechen und Level 3 dem Automatisierungsgrad B und dementsprechend der Neubauvorgabe.


Insbesondere für die Betriebsoptimierung könnte die SRI-Bewertung erhöhte Transparenz in der Maßnahmenplanung und in der Eigentümerberatung zu sinnvollen Investitionen in regelungstechnische Komponenten erlauben. Die festgelegten qualitativen Bepunktungen werden teilweise jedoch noch in Frage gestellt und sollten auf quantitativen Untersuchungen basieren. Für diese wären weiterhin Vorgaben zu Sollwerten (bspw. Temperaturen, Komfortklassen oder Zeitprofilen) erforderlich, wie etwa anhand von Komfortmodellen, wie sie in der Normung und marktetablierten Nachhaltigkeitszertifikaten bereits bestehen.
Insgesamt werden der Umfang von 54 Services und die komplizierte Gewichtungsmetrik von vielen Industrievertretern kritisch gesehen. Eine Reduktion des Umfangs könnte die Aussagekraft und intuitive Verständlichkeit erhöhen.
Im Forschungsprojekt Klassiqua wird gemeinsam mit Baupraxispartnern aus den Bereichen Planung, Ausführung und Monitoring untersucht, wie sich Investitionsszenarien zur Verbesserung der SRI-Bewertung auf Energiebedarf und thermischen Komfort bei bestehenden oder neuen Bürogebäuden auswirken und welche Investitionsszenarien Profit prognostizieren.
Das Projektkonsortium besteht aus der Recogizer Group, Carpus+Partner und Enervision sowie dem Lehrstuhl für Gebäude- und Raumklimatechnik der RWTH Aachen University. Die Quantifizierung der Effekte erfolgt für repräsentative SRI-Maßnahmenpakete durch Jahressimulationen mit Bürogebäude-Archetypen.
Die im Projekt Klassiqua entwickelten Büro-Archetypen für die Baujahre 1970, 1998 und 2026 basieren auf statistischen Erhebungen, um eine möglichst hohe Übertragbarkeit der Simulationsergebnisse auf einen Großteil realer Gebäude zu ermöglichen.
Alle drei Archetypen basieren auf demselben architektonischen Grundmodell, welches mit bauphysikalischen Außenhüllen gemäß angenommenem Baualter kombiniert wird. Die Erstellung erfolgte unter Anwendung von Building Information Modeling (BIM) im IFC-4x3-Schema in der openBIM-Software Blender Bonsai.
Für die Baualtersklassen wurden überdies typische technische Anlagen für Erzeugung und Übergabe identifiziert. Diese werden im Projekt in der Simulation abgebildet. Die Abb. 5 zeigt die drei Archetypen mit jeweils zwei technischen Ausstattungen in der Übersicht. Techniksets T2 und T3 werden dabei übergreifend in jeweils zwei Baualtersklassen eingesetzt.

Die Modelle und die detaillierte Dokumentation wurden über Zenodo veröffentlicht und stehen kostenfrei auch für über das Projekt hinausgehende Anwendungsfälle zur Verfügung.
Im Rahmen des Projektes Klassiqua werden insbesondere Nutzen bei der Energieeffizienz und thermischen Behaglichkeit infolge von SRI-Verbesserungsmaßnahmen untersucht.
Im Kontext deutscher Bürogebäude bewertet das Projektkonsortium die technischen Bereiche Heizung, Kühlung, Lüftung, dynamische Gebäudehülle (Sonnenschutz) sowie Überwachung und Kontrolle (des Gebäudebetriebs) hierfür als die vorrangigen Einflussbereiche. Mittels paarweisen Vergleichs aller im SRI-Entwurf gelisteten Services wurden 15 Key-Services als vorrangig relevant identifiziert. Diese sind in Abb. 6 dargestellt.

Für diese 15 SRI-Key-Services wurden neben den SRI-Beschreibungen vorhandene passende Funktionen und Beschreibungen aus der DIN EN ISO 52120 ergänzend aufgeführt, teilweise in gekürzter Form. Auf Grundlage der Beschreibungen hat das Klassiqua-Projektkonsortium typische Umsetzungen der SRI-Level formuliert. Diese werden von vereinfachten technischen Zeichnungen begleitet, die deren relevante Komponenten und Kommunikationswege darstellen. Die praxisnahe Umsetzungslösung zeigt typische (Mindest-)Ausführungen. Es bestehen alternative Umsetzungsoptionen. Die vorgestellten Umsetzungslösungen dienen als Grundlage für die Kostenberechnungen der Investitionsszenarien im Projekt.
Im Falle der Services aus dem Bereich Monitoring und Control besteht weitestgehend keine entsprechende normative Grundlage, sodass die im Projekt entwickelten Umsetzungsdarstellungen hilfreiche Handreichungen darstellen können.
Die Key-Services des Smart Readiness Indicators (SRI) für deutsche Bürogebäude – Praxisnahe Umsetzung mit grafischer Darstellung und Kombinationsmöglichkeiten sind online verfügbar.


Wie eingangs erwähnt ist zu analysieren, inwieweit Maßnahmen, wie sie im Smart Readiness Indicator vorgeschlagen werden, profitable Investitionen darstellen. Dabei ist die Profitabilität auch durch das Gebäudealter und dessen technische Ausstattung sowie den bestehenden Automationsgrad beeinflusst. Für die drei Baualtersklassen, vier vorgestellten Techniksets und die für Bürogebäude identifizierten SRI-Key-Services werden Investitionsszenarien jeweils für eine moderate und maximale Erhöhung der Smart Readiness aufgestellt. Für die Kostenberechnungen dienen reale Projekte der Praxispartner als Grundlage.
Für diese Investitionsszenarien werden mit verschiedenen Komfortannahmen energetische Jahressimulationen mit EnergyPlus durchgeführt. Das BIM-Modell dient hier als Basis für das Simulationsmodell. In der Querauswertung können auf diesem Wege jene Investitionsszenarien herausgestellt werden, die Profit durch Energiekosteneinsparungen innerhalb des Betrachtungszeitrahmens von fünf Jahren versprechen. Zusätzlich belegen Studien einen Zusammenhang zwischen kognitiver Leistungsfähigkeit und Raumtemperatur, welcher als zusätzlicher Nutzen in Form von Produktivitätssteigerungen bei Arbeitnehmern betrachtet werden könnte. Auch hierzu werden Auswertungen erfolgen.

Im weiteren Projektverlauf werden auch für große Mehrfamilienhäuser SRI-Key-Services veröffentlicht sowie Simulationen und Kosten-Nutzen-Analysen anhand von Archetypen durchgeführt.
Die Projektergebnisse bilden eine objektive Grundlage für eine Anpassung des aktuellen SRI-Entwurfs und erlauben Praxispartnern eine fundierte Beratung von Kunden und eine strategische Unternehmensausrichtung zur zukünftigen Einführung des SRI.
Wir danken für die finanzielle Unterstützung des Projektes Klassiqua durch das BMWE (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) unter Förderkennzeichen 03EN1099A.
Von Verena Dannapfel

[1] Institut für Wohnen und Umwelt (IWU) (Hg.) (2022): Typologie der Nichtwohngebäude in Deutschland. Methodik, Anwendung und Ausblick. Darmstadt.
[2] Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena) (Hg.) (2022): DENA-GEBÄUDEREPORT 2023. Zahlen, Daten, Fakten zum Klimaschutz im Gebäudebestand. Berlin.
[3] Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena) (Hg.) (2018): Insight Büroimmobilien. Marktsituation und Ausblick für klimafreundliche Bürogebäude.
[4] Bundesverband energieeffiziente Gebäudehülle e.V. (2026): Sanierungsquote 2025. Online verfügbar unter https://buveg.de/sanierungsquote/
[5] Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena) (Hg.) (2023): Fokusthemen Büro- und Verwaltungsgebäude. Berlin.
[6] Bitkom e. V. (Hg.) (2021): Klimaschutz und Energieeffizienz durch digitale Gebäudetechnologien. Berlin.
[7] Europäische Union (Hg.) (2024): Richtlinie (EU) 2024/1275 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 24. April 2024 über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden.
[8] European Commission (Hg.) (2023): Assessment Package Smart Readiness Indicator (SRI). Calculation Sheet v 4.5. Online verfügbar unter https://ec.europa.eu/eusurvey/runner/SRI-assessment-package
